Leben mit Lymphom heißt leben mit Fatigue?

Fatigue bezeichnet eine tiefgreifende und andauernde Erschöpfung, die viele Ursachen haben kann. Gerade Lymphompatienten sind häufiger als andere Tumorpatienten von Fatigue betroffen.

PD Dr. Jens Ulrich Rüffer, Onkologe und Vorsitzender der Deutschen Fatigue Gesellschaft, informiert über Symptome und Therapie einer Fatigue.

Wie äußert sich eine Fatigue und was ist der Unterschied zu einer „normalen“ Erschöpfung?

In der Regel ist ein gewisser Erschöpfungszustand nach der Diagnose einer Tumorerkrankung normal. Anders als bei einer „normalen“ Erschöpfung reicht bei einer Fatigue eine kurze Erholung mit ausreichend Schlaf nicht aus, um sich wieder leistungsfähig zu fühlen. Hält dieser Zustand über zwölf Monate nach Beendigung einer Krebstherapie an, sprechen wir von einer chronischen Erschöpfung oder Fatigue. Viele Krebspatienten leiden im Laufe ihrer Erkrankung an einem solchen langanhaltenden Erschöpfungszustand. Lymphompatienten mit Knochenmarktransplantation sind deutlich häufiger betroffen als andere Tumorpatienten. Liegt keine Tumorerkrankung zugrunde, sprechen wir von einem chronischen Erschöpfungssyndrom (CFS).

 

Welche Erkenntnisse gibt es zu den Ursachen der Fatigue?

Am Anfang der Diagnose „Fatigue“ stehen viele Fragen nach ihren Auslösern. Auch Herz- oder Nierenerkrankungen können beispielsweise zu einer Fatigue führen. Leider haben wir bis heute keine konkreten Erkenntnisse zu den Ursachen der Fatigue. Wir verstehen, dass Fatigue im Zusammenhang mit ganz unterschiedlichen Erkrankungen auftreten kann. Auch können einzelne Therapien, wie zum Beispielsweise Chemo- oder Strahlentherapie, zu einer Fatigue führen. Wie lange dieser Erschöpfungszustand anhält und wie sehr er den einzelnen Patienten einschränkt, ist jedoch oft unterschiedlich.

 

Welche Auswirkungen hat die Fatigue auf den einzelnen Patienten?

Der Leidensdruck bei einer Fatigue mit Lymphom ist enorm. Der Patient muss nicht nur die Lymphomerkrankung bewältigen, sondern ist oft nicht in der Lage, seinen ganz normalen Alltag zu bewältigen. Soziale Kontakte reißen unter Umständen ab, da die Patienten einfach keine Kraft haben, Freundschaften zu pflegen und ihrem Beruf nachzugehen. Die Patienten sind dann verunsichert und frustriert. Sie fühlen sich regelrecht ohnmächtig und oft auch isoliert.

 

Welche Möglichkeiten der Behandlung von Fatigue gibt es?

Es gibt zwei therapeutische Ansätze, mit denen Fatigue-Patienten gute Erfahrungen gemacht haben. Zum einen ist natürlich eine gesunde Lebensführung empfehlenswert, mit ausgewogener Ernährung und regelmäßiger körperlicher Bewegung. Etwa eine Stunde am Tag sollte es schon sein. Die Patienten können diese Zeit frei einteilen, beispielsweise in zwei halbstündige Spaziergänge oder ähnliches. Wichtig ist, dass die Patienten sich auf keinen Fall angestrengt fühlen. Ein Gespräch mit dem behandelnden Arzt kann abklären, wie stark sich der einzelne Patient individuell belasten darf. Der Arzt wird die Therapie sowie eventuell vorhandenen Vorerkrankungen, etwa eine Herzschwäche, bei dieser Beratung berücksichtigen.

Der zweite therapeutische Ansatz ist die psychoonkologische Beratung. Der Patient erlernt Strategien, wie er mit seiner Erkrankung besser umgehen kann: Wie er seinen Stress bewältigen oder umlenken kann. Und wie er seine Lebenssituation aktiv gestalten kann – trotz Fatigue.

 

Was genau können Patienten mit Fatigue tun, um ihre Lebensqualität zu steigern?

Zunächst sollten Betroffene einfach ihre Erschöpfung als Bestandteil ihrer Lymphomerkrankung annehmen und nicht dagegen ankämpfen. Der Patient befindet sich in einer anstrengenden Phase seines Lebens. Da ist es völlig normal, sich erschöpft zu fühlen. Viele körperliche Veränderungen müssen akzeptiert werden. Der Umgang mit der Situation erfordert mental und körperlich viel Kraft.

Im zweiten Schritt kann der Patient überlegen, was ihn besonders anstrengt. Arzt oder Psychoonkologen helfen dann mit konkreten Vorschlägen, wie der Patient seinen Alltag weniger anstrengend organisieren kann. Bei regelmäßigem moderaten Bewegungstraining stellt sich meist rasch das Gefühl ein, wieder leistungsfähiger zu sein. Das ist auch psychisch enorm wichtig und wirkt sich positiv auf das Allgemeinbefinden aus.

Bei allen Überlegungen sollte auch das Umfeld des Patienten mit berücksichtigt werden. Je offener der Patient mit der Erkrankung und den Symptomen der Fatigue umgeht, desto verständnisvoller und rücksichtsvoller wird seine Umgebung reagieren. Informationen, die Betroffenen hier ganz konkret weiterhelfen können, gibt die Deutschen Fatigue Gesellschaft unter 0221 / 9311596 oder unter www.deutsch_fatigue-gesellschaft.de. Auch Psychoonkologen sind mit der Thematik Fatigue vertraut und helfen gerne weiter. Die Deutsche Arbeitsgemeinschaft für Psychosoziale Onkologie e.V. https://www.krebsinformationsdienst.de/wegweiser/adressen/krebsberatungsstellen.php hilft bei der Suche nach einem psychoonkologischen Berater.

 

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