Therapie beim follikulärem Lymphom | Im Interview mit Prof. Hiddemann

Professor Hiddemann ist seit 1998 Direktor der medizinischen Klinik in München Großhadern. Mit Stationen in Münster, New York und als Direktor in Göttingen ist er seit 1972 in der Hämatologie tätig. Er gründete die Studiengruppe für Mantelzell-Lymphome auf europäischer Ebene und leitet bis heute die Studiengruppe GLSG sowie eine große multizentrische Studiengruppe für akute Leukämien.

Sehr geehrter Herr Professor Hiddemann, seit etwa 30 Jahren sind Sie Experte auf dem Gebiet der Hämatologie und der Internistischen Onkologie. Ihr wissenschaftlicher Schwerpunkt liegt unter anderem bei der Therapie niedrig maligner Lymphome. Welche maßgebenden Fortschritte sind in der Therapie des follikulären Lymphoms in dieser Zeitspanne aus Ihrer Sicht zu verzeichnen?

Ein wirklicher Durchbruch in der Behandlung des follikulären Lymphoms ist in den 90er Jahren mit der Einführung eines bestimmten Antikörpers gelungen. Die rückfallfreie Zeit und vor allem das Gesamtüberleben konnte dadurch um viele Jahre verlängert werden. In Zahlen bedeutet dies in etwa eine Überlebenserwartung der Patienten von zwölf bis 15 Jahren oder höher.

Welche besondere Herausforderung besteht trotz dieses Fortschritts weiterhin?

Bisher ist es noch nicht gelungen, die Krankheit wirklich zu heilen. Daher verfolgt die Forschung das Ziel, das follikuläre Lymphom zu einer chronischen Krankheit zu machen und eine fast normale Lebenserwartung für die Patienten zu erreichen. Die Tendenz geht dahin, nicht die Therapie zu intensivieren, sondern neue therapeutische Konzepte zur Minderung von Nebenwirkungen zu erzielen, also eine Chemotherapie-freie Kombination zu wählen. Zwar stehen wir noch am Anfang, aber der Weg zeichnet sich ganz deutlich.

Da die Erkrankung nicht heilbar ist, welche Therapiemöglichkeiten gibt es, wenn die Erkrankung erneut ausbricht?

Das kommt darauf an, zu welchem Zeitpunkt das Lymphom wiederkommt, ob es innerhalb der ersten zwei Jahre passiert oder später. In jedem Fall bestehen mehrere Möglichkeiten für eine erneut erfolgreiche Therapie.

Die psychische Belastung ist bei FL-Patienten besonders beim Wiederauftreten sehr groß. Wie gehen Sie mit den Ängsten der Patienten und den Angehörigen um und was empfehlen Sie diesen Patienten, wie Sie mit der erneuten Diagnose umgehen können?

Wir versuchen, die Ängste offen anzusprechen und zu erfahren, wovor genau der Patient Angst hat. Hier haben sich unterstützende Maßnahmen und Therapien stark hervorgetan, wie zum Beispiel die Psychotherapie oder eine psychoonkologische Behandlung. Es kommt immer auf die Person an und dann wird individuell geschaut, welche Betreuung dem Patienten gut tut.

1999 gründeten Sie den gemeinnützigen Verein Lebensmut e. V. – aus welcher Motivation heraus ist der Verein entstanden und welchen Leitgedanken verfolgen Sie?

Der Verein ist aus der grundlegenden Einstellung entstanden, den Menschen zu betreuen und zu begleiten, der eine Lymphomerkrankung hat. Wir möchten Maßnahmen zur Minderung von Ängsten oder anderen Problemen anbieten, die von den Krankenkassen nicht bezahlt werden. Aus diesem Hintergrund heraus gründeten wir „Lebensmut e. V.“ mit dem Ziel, Spenden zu sammeln, um dann eine psychoonkologische Behandlung bei uns in der Klinik zu finanzieren.

Welche konkreten Angebote stehen Betroffenen und Interessierten durch Lebensmut e. V. zur Verfügung und welche Wirkung erzielen diese?

Der Hauptschwerpunkt liegt in der Gesprächstherapie und der klassischen psychoonkologischen Behandlung. Die Patienten, die nicht gut reden können und nur schwer zugänglich sind, muss man auf anderen Wegen erreichen. Zum Beispiel bieten wir eine Atem- und Kunsttherapie an oder eine spezielle Betreuung von Kindern krebskranker Eltern.

Lebensmut e. V. bietet unter anderem auch ein Magazin, das zwei Mal im Jahr erscheint. Wo können Interessierte dieses Magazin erwerben?

Jeder, der sich für das Magazin interessiert, kann uns eine E-Mail schreiben und wir senden dann ein Exemplar. Das Magazin hat ein relativ breit gefächertes Spektrum von Themen und wird über unsere Spendenmittel finanziert. Das Hauptthema für die Herbstausgabe wird „Sport und Krebs“ sein.

Welche Empfehlungen haben Sie für Patienten mit FL darüber hinaus?

Bereits bei der Erstdiagnose sollten die Weichen der Therapie von Experten eines Kompetenzzentrums gestellt werden, die viel von der Krankheit verstehen. Gemeinsam schaut man sich die Konstellation sowie die Behandlungsmöglichkeiten an, die heute zur Verfügung stehen. Ein niedergelassener Onkologe oder Hausarzt kann dann die praktische Umsetzung übernehmen. Die zweite Empfehlung ist, dass Patienten versuchen sollten, sich mit der Krankheit zu arrangieren und nicht den Kopf in den Sand zu stecken. Heute können wir die Krankheit mit sehr guten Aussichten behandeln, sodass Betroffene ihr Leben relativ normal weiterführen können. Patienten sollten lediglich unterlassen, alternative Heilmethoden auszuprobieren – die können bei Lymphomen richtig schaden, weil das Immunsystem auf unkontrollierte Weise stimuliert werden könnte.

Vielen Dank!