Therapie und Forschung bei CLL | Im Interview mit Prof. Hallek

Direktor der Klinik I für Innere Medizin an der Universität zu Köln. Schwerpunkt seiner wissenschaftlichen Arbeit ist die Entwicklung spezieller Therapien für Leukämien. Er erhielt zahlreiche wissenschaftliche Auszeichnungen. Prof. Hallek ist Gründer und Leiter der Deutschen CLL-Studiengruppe, der international führenden Studiengruppe zur Erforschung neuer Behandlungen der chronischen lymphatischen Leukämie.

Sehr geehrter Herr Professor Hallek, was macht die chronische lymphatische Leukämie aus?

Die chronische lymphatische Leukämie, kurz CLL, ist die häufigste Form der Leukämie. Sie tritt vor allem bei älteren Patienten zwischen 72 und 75 Jahren auf und wird deshalb auch „Altersleukämie“ genannt. Die Erkrankung ist gekennzeichnet durch einen sehr unterschiedlichen Verlauf. Es gibt Formen, die keine Schmerzen verursachen. Diese verlaufen auch über Jahre oder Jahrzehnte ohne Behandlung stabil. Im Gegensatz dazu gibt es sehr aggressive Formen, die so intensiv behandelt werden müssen wie eine akute Leukämie. Diese Unterschiede stellen für Ärzte und Patienten oft eine große Herausforderung dar. Die Entscheidung zur richtigen Behandlung ist daher von großer Bedeutung.

Was waren die wichtigsten Entwicklungen in der CLL-Forschung der letzten 15 Jahre?

Die Molekularbiologie erlaubt heute eine deutlich feinere Diagnosestellung und eine erleichterte Prognoseabschätzung. Diese weist über die Stadieneinteilung hinaus bestimmten Patienten ein bestimmtes Risiko zu. Außerdem gibt es in den letzten 15 Jahren eine für die Patienten sehr positive Entwicklung hinsichtlich neuer Medikamente. Wir erwarten, dass diese Medikamente die Behandlung in den kommenden Jahren vereinfachen, weniger Nebenwirkungen verursachen und letzten Endes die Lebenserwartung erhöhen.

Welche Therapiestandards gelten heute?

Die Therapie richtet sich nach dem Schweregrad der Erkrankung und dem Allgemeinzustand des Patienten. Die Standardtherapie für Patienten mit guter Fitness, die keiner Risikogruppe angehören, ist die Chemoimmuntherapie, also die Kombination aus Chemotherapie und einem monoklonalen Antikörper. Die Behandlung für weniger fitte Patienten besteht aus einer Kombinationstherapie aus dem Zystostatikum Chlorambucil und einem bestimmten Antikörper gegen das Eiweiß CD20. Patienten mit einem bestimmten genetischen Risiko werden mit sogenannten Kinaseinhibitoren behandelt. Patienten im Rezidiv werden immer häufiger mit Medikamenten aus der Inhibitoren-Gruppe therapiert. In Kürze wird wahrscheinlich ein neuer Inhibitor als Monotherapie eingesetzt. Auf die Zulassung warten wir in Europa.

Sie leiten die weltweit führende Studiengruppe zur Behandlungen von CLL. Was ist die wichtigste Erkenntnis aus Ihren Studien?

Die wichtigste Erkenntnis aus unseren Studien war, dass das Überleben der Patienten verlängert werden kann, wenn die Erstbehandlung richtig ausgewählt wurde. Bei der Behandlung der CLL ist somit die optimale Therapie schon zu Beginn entscheidend. Dieses Ergebnis ist die wichtigste Erkenntnis aus dem CLL8-Protokoll, das 2010 veröffentlicht wurde.

Was bedeutet die Teilnahme an einer Studie für den Patienten? Macht es Sinn an Studien teilzunehmen?

Die Teilnahme an einer Studie bedeutet für die Patienten eine größere Sicherheit und eine genaue Dokumentation ihrer Nebenwirkungen. In der Regel beinhaltet sie auch eine verbesserte Therapieoption durch neue Medikamente.

Was ist das langfristige Ziel bei der Therapie der CLL? Wo geht die Reise hin?

Das langfristige Ziel ist es, die Erkrankung zu kontrollieren und die Nebenwirkungen zu verhindern oder einzudämmen. Die Behandlungen werden in Zukunft so effizient sein, dass die Lebenserwartung von Patienten mit CLL nicht mehr kürzer ausfällt als jene gesunder Menschen. Außerdem werden wir durch sogenanntes „molekulares Monitoring“ den Verlauf der Erkrankung erfassen, sehr frühzeitig einen Rückfall erkennen und erneut behandeln können. Damit wird aus dieser vormals unheilbaren Leukämie eine Erkrankung, die beherrschbar ist und die Patienten nicht mehr ängstigen muss.

Vielen Dank!