Im Interview mit Prof. Dr. Chow

Professor Dr. med. Kai Uwe Chow ist in seinem 20sten Berufsjahr im Bereich Hämatologie und Onkologie tätig. Er hat 1996 angefangen in der Hämatologie zu arbeiten – zunächst an der Uniklinik – 2004 ging er in die Niederlassung. Er war auf dem Forschungsgebiet der Immuntherapie tätig, insbesondere bei dem Thema Lymphom und hat dort im Rahmen der Lymphomgruppe an der Universität Frankfurt mitgearbeitet.

Sehr geehrter Herr Prof. Dr. Chow, die Diagnose „Non-Hodgkin-Lymphom“ stellt für die Betroffenen einen großen Einschnitt in ihr Leben dar. Was passiert im Körper, wenn ein Lymphom entsteht?

Ein Lymphom ist eine Erkrankung der Lymphozyten, die entarten. Lymphozyten sind eine Unterform der weißen Blutkörperchen. Die Lymphozyten sitzen in den Lymphknoten. Bei Befall werden diese größer und drücken auf andere Strukturen. Lymphknoten sind im ganzen Körper verschaltet wie ein Netzwerk: Am Hals, in den Achseln, zwischen den Lungen, im Bauch, in den Leisten, teilweise auch in der Haut, den Mandeln und in den Schleimhäuten. Die Lymphozyten werden im Knochenmark produziert und wandern dann aus zu den Lymphknoten. Beim Non-Hodgkin-Lymphom muss man schauen, ob durch die Erkrankung im Knochenmark ein Verdrängungseffekt der normalen Blutbildung stattfindet.

Welche Arten unterscheidet man?

Bei den Non-Hodgkin-Lymphomen muss man zwei grobe Unterscheidungen machen: Es gibt die aggressiven – die schnell wachsen und die man sofort behandeln muss – und es gibt die indolenten niedrig malignen – die langsam wachsenden. Hier hängt es davon ab, ob ein Therapiebedarf vorhanden ist. Die langsam wachsenden Lymphome zählen zu den chronischen Erkrankungen, während die aggressiven Lymphome eine hohe Chance auf Heilung haben. Daher unterscheidet sich der Aufklärungsansatz über die Erkrankungen bei den Patienten enorm.

Gibt es eine Therapie, die sich besonders etabliert hat?

In den letzten Jahren stellte sich immer wieder heraus, dass ein monoklonaler Antikörper plus Chemotherapie bei einem Großteil der Patienten Mittel der Wahl ist. Doch gerade in den letzten Jahren gab es neue Medikamente, sogenannte Signalweghemmer, die bestimmte Eiweiße und Signalwege in der Lymphomzelle hemmen können. Diese rücken mehr in den Vordergrund, sodass man in der Therapie mehr und mehr versucht den Patienten die Chemotherapie zu ersparen. Dies gilt allerdings mehr für die langsam wachsenden Lymphome.

Was können Betroffene neben der Standardtherapie noch für sich tun?

Was immer ganz wichtig ist: Der Patient muss in Bewegung bleiben – kein übertriebener Leistungssport, aber sportliche Betätigung verlängert das Überleben. Das gilt auch für nichtkranke Menschen. Es hilft tatsächlich den körperlichen Zustand zu verbessern und eine Widerstandsfähigkeit zu entwickeln. Es gibt Leute, die an massivem Übergewicht leiden. Denen rate ich natürlich ihre Ernährung umzustellen und sich einigermaßen gesund zu ernähren. Aber nicht in Form von speziellen Krebsdiäten – davon halte ich nichts.

Wie können Patienten lernen mit der Erkrankung umzugehen?

Ein wesentlicher Bestandteil ist, dass wir den Patienten so aufklären, dass er versteht, wie der Arzt denkt. Wenn der Patient das Therapiekonzept verstanden hat, dann ist die Mitarbeit des Patienten wesentlich besser. Man darf ihn nicht im Unklaren lassen und immer alle Optionen aufzeigen. Dann ist die Angst um die Krankheit und der Therapie deutlich geringer. Das ist meine persönliche Erfahrung.

Wie schätzen Sie die Behandlungsmöglichkeiten in 10 Jahren ein?

Wir hatten in den letzten 15 Jahren zwei Paradigmenwechsel: Wir sind von der klassischen Chemotherapie zu der sogenannten Immunchemotherapie gekommen. Die Chemo wird nicht allein eingesetzt, sondern mit Antikörpern, die gegen bestimmte Zielstrukturen auf der Lymphomzellenoberfläche kämpfen. Mittlerweile gibt es eine ganz neue Generation von Antikörpern, sodass auch hier vermutlich die Ergebnisse verbessert werden. Auch die eben erwähnten Signalweghemmer bieten eine neue Grundlage. Das Ziel zukünftiger Studien wird sein: Die klassisch konventionelle Chemotherapie zu reduzieren und die molekulare Therapie auszuweiten. Derzeit kann man die Chemo jedoch noch nicht ad acta legen.

Wo besteht Ihrer Meinung nach besonderer Bedarf?

Ein großer Bedarf liegt bei der psychoonkologischen Betreuung. Diese werden bei uns hauptsächlich über Spenden finanziert. Patienten, die gerade erst ihre Diagnose erhalten haben, müssen lange auf einen Termin warten. Das gilt ebenso für die Angehörigen, die diese Betreuung genauso betrifft. Hier besteht noch Optimierungsbedarf. Hinzu kommt, dass solche Therapien sehr teuer sind. Da gilt es neue Lösungen zu finden. Ich denke, dass die Deutschen eines der besten Gesundheitssysteme haben, weltweit. Wenn die Kosten aber weiter so explodieren und immer mehr Substanzen auf den Markt kommen, wird die Finanzierung irgendwann kritisch.

Vielen Dank!