Im Interview

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01 | 2018 Susanne Golnick

Liebe Frau Golnick, in Ihrem Blog „Putzerfischblog“ teilen Sie Ihre Gedanken und Erfahrungen, die Sie mit der Diagnose „follikuläres Lymphom“ gesammelt haben. Aus welcher Motivation heraus ist der Blog entstanden? 

Als ich 2010 die Diagnose erhalten habe, habe ich versucht, mich über die Erfahrungen anderer Betroffener zu informieren. Leider waren viele Blogs nur zu finden, wenn man auf der entsprechenden Plattform angemeldet ist. Deshalb habe ich mich entschieden, meine gesammelten Informationen für einen eigenen Blog zu nutzen: damit es für Betroffene heute leichter ist, Informationen und andere Erkrankte zu finden. 

Wie geht es den anderen Betroffenen, die Sie über Ihren Blog kennenlernen? 

Mich kontaktieren nur sehr wenige persönlich – oft sind es diejenigen mit einer frischen Diagnose. Je nach persönlicher Lebenssituation bewegt die Leute dann eine ganze Menge. Bislang haben mich allerdings nur Jüngere kontaktiert – obwohl man die Diagnose Lymphom normalerweise erst bekommt, wenn man etwas älter ist. Mir fällt auf, dass den frisch Erkrankten dann meist ein psychoonkologisches Angebot von den behandelnden Ärzten  gemacht wird. Das ist eindeutig ein Fortschritt, der in den letzten 10 Jahren stattgefunden hat. 

Inwiefern hat es Ihnen geholfen, offen mit Ihren Gedanken umzugehen?

Nach der Diagnose verschließt man sich erstmal und versucht zu verstehen, was gerade passiert: Die Diagnose haut einen erstmal um. Aber sich zu informieren, alles aufzuschreiben und in die ganze Welt zu posaunen, ist ja auch eine Öffnung und ein Kennzeichen dafür, dass es bergauf geht. Zu Familie und Freunden hab ich gesagt: „Lasst mich erstmal in Ruhe, solange ich nicht weiß, was auf mich zukommt. Ihr könnt erstmal in den Blog gucken – ich komme dann auf Euch zu.“ So hatte ich die Möglichkeit, mit den Leuten, die mir nahe sind zu kommunizieren, wann ich mich dafür bereit fühlte.

Welche Erinnerung haben Sie an den Zeitpunkt der Diagnose? Was waren Ihre ersten Schritte? 

Die Diagnose wurde mir fast brutal überbracht. Deshalb habe ich mich von meiner Lebensgefährtin aus der Praxis abholen lassen und mich erstmal ausgeheult. Dann hab ich durch Gespräche und Spaziergänge versucht, mich zu sammeln und mich anschließend gleich im Internet informiert: Ich wollte wissen, womit ich es zu tun habe. Meine Ärztin hat alles für die Behandlung ins Rollen gebracht, sodass onkologische Ambulanz und Krankenkasse auf mich zukamen. Jeder kam und brachte irgendwelche Hilfspäckchen – das war sehr positiv. 

Hat sich seit Ihrer Diagnose im Verhalten Ihrer Freunde und Angehörigen Ihnen gegenüber etwas verändert? 

Jain. Also, es ist nicht so, dass ich jetzt ständig Gegenstand von Besorgnis bin. Man fragt ab und zu mal nach, aber sonst ist alles gut. Nur bin ich durch die Immun-Insuffizienz anfällig für Infekte. Deswegen gebe ich wenigen Leuten die Hand und passe einfach auf. Einige muss ich daran erinnern, andere haben Angst, etwas falsch zu machen. Dadurch ist es manchmal schon etwas anders. Aber alle hoffen mit mir, dass der Krebs nicht wiederkommt und sind ein wenig besorgt. Ansonsten sind sie alle frech wie immer.   

Wie geht es Ihnen heute? 

Gut: Ich habe schon länger keinen Infekt mehr gehabt. Das spricht dafür, dass mein Umgang damit richtig ist. Ich arbeite jetzt von zu Hause aus, sodass ich mit weniger „Virenschleudern“ zu tun habe. Dass es mir gutgeht, bestätigt auch mein Onkologe. Trotzdem geh ich noch zu meiner Selbsthilfegruppe, weil die mir gutgetan hat, als es mir schlecht ging. Jetzt kann ich etwas zurückgeben. Die Krankheit ist irgendwie da, aber sie beeinflusst mich nicht negativ. Sie gehört zu mir, zu meinem Leben, wie mein Fuß und meine Haare und ist ein Teil von mir.

Was hat Ihnen in der schweren Zeit am meisten geholfen?

Am meisten geholfen hat mir die Möglichkeit, mich auf mich zu konzentrieren. Darum war auch die finanzielle Absicherung für mich sehr entlastend. Aber besonders hilfreich war, wie nett meine Ärzte und Therapeuten waren: Der Onkologe hat mir genau gezeigt, wo das Lymphom sitzt, so wurde es für mich fassbar. Ich hab mir während der Chemotherapie dann vorgestellt, dass das Medikament wie ein Schwarm Putzerfische die bösen Zellen wegputzt. Deshalb heißt mein Blog auch Putzerfischblog. So ein Bild von Putzerfischen oder zum Beispiel auch von Schafen, die Disteln auf dem Deich wegfressen, hat nichts Bedrohliches an sich. Deshalb hat diese Visualisierung mir geholfen, die Therapie durchzustehen. 

Wie gehen Sie mit möglichen Ängsten um?

Man beobachtet sich schon und schaut: Ist da irgendwas Ungewöhnliches an meinem Körper, eine Schwellung vielleicht? Manche Leute sehen dabei nur: „Ich muss sterben.“ Das ist natürlich richtig, das müssen wir ja schließlich alle. Aber eine Aussage wie „Ihre Lebenserwartung ist drastisch verkürzt“ berührt einen zwar emotional, hat aber keinerlei Informationsgehalt. Ich kann auch morgen vom Auto überfahren werden: mit oder ohne Lymphom.

Meine Ärztin sagte: Sie sind medizinisch gesehen im Endstadium, aber das hat überhaupt keine Bedeutung für Sie.“ Und es stimmt. Bei Endstadium denkt man immer: „Kauf Dir bloß keine Langspielplatte: Die kannst Du eh nicht zu Ende hören.“ Aber so ist es beim follikulären Lymphom nicht.Durch meine Erfahrung mit der Erkrankung reduzieren sich auch die Ängste: Ich kenne meinen Gegner – ich weiß, es ist hart gewesen, aber nicht (körperlich besonders) schlimm. „Ich hab es schon mal geschafft und ich würde es wieder schaffen.“ – Dieser Gedanke hilft mir ganz gut. Ich vertraue dabei von außen auf die therapeutischen Möglichkeiten, aber auch auf mich: Ich lebe gesund, bin wachsam und pflege mich. 

Welche Botschaft haben Sie an Betroffene mit follikulärem Lymphom?

Es gibt Hilfsangebote von Internet bis Selbsthilfegruppen, die ich nur empfehlen kann. Diese Angebote kosten einen nichts. Das ist ganz wunderbar: Hingehen, nutzen und auf sich aufpassen. Ich glaube, dass man sich diese Einstellung erst erarbeiten muss, aber nach meiner Erfahrung ist sie die halbe Miete. Und ansonsten: Kopf hoch!

01 | 2017 PD Dr. med. Jens Ulrich Rüffer

PD Dr. med. Jens Ulrich Rüffer ist Facharzt mit dem Schwerpunkt Hämatologie und Onkologie, Vorstandsmitglied der Deutschen Fatigue Gesellschaft, Leiter der AG Kommunikation in der Arbeitsgemeinschaft internistische Onkologie (AIO) sowie Geschäftsführer der TAKEPART media and science GmbH.

Sehr geehrter Herr Dr. Rüffer, in Ihrer Laufbahn als Onkologe haben Sie schon viele Patientengespräche geführt. Wie sehen die Herangehensweisen von Ärzten bei einem gelungenen Gespräch aus? Was sind die ersten Schritte? 

Ein gelungenes Gespräch sollte immer im Sinne einer gemeinsamen Entscheidungsfindung stattfinden. Voraussetzung dafür ist, dass der Patient ausreichend informiert ist. Dies ist im ärztlichen Alltag nicht einfach zu gewährleisten. Der Arzt sollte in einem Entscheidungsgespräch vorab die Wünsche und Präferenzen des Patienten abfragen und sich versichern, dass diese in der gemeinsamen Therapieentscheidung berücksichtigt sind. Ganz wichtig ist es, sicher zu stellen, dass der Patient von der Situation nicht überfordert ist. 

Sie setzen sich darüber hinaus im Bereich „Shared Decision Making (SDM)“ zur Stärkung der Patientenbeteiligung ein. Was bedeutet SDM? Welcher Gedanke steckt dahinter? 

„Shared Decision-Making“ bedeutet „gemeinsame Entscheidungsfindung“. In erster Linie geht es bei SDM darum, eine Therapie zu finden, die der Krankheitssituation angemessen ist und gleichzeitig auch den Rahmenbedingungen des Gesundheitssystems entspricht. Das Besondere daran ist, dass hier die Wünsche des Patienten einbezogen werden, um eine Entscheidung zur Behandlung zu fällen. Dadurch erhofft man sich auch langfristig positive Effekte, weil Patienten damit viel mehr die Therapie zu ihrer eigenen machen und in ihrem Gesundheitsverhalten  gestärkt werden. 

Was sollte man als Arzt unbedingt beachten, um dem Patienten in der Kommunikation gerecht zu werden und damit dieser zufrieden aus dem Gespräch herausgeht?

Wann ein Patient zufrieden ist, kann sehr stark variieren. Wenn ein Arzt dem Patienten eröffnet, dass er eine ernsthafte Erkrankung hat, dann ist der Patient am Ende des Gesprächs definitiv nicht zufrieden. Vielmehr geht es darum, den Patienten langfristig zufrieden-zustellen. Im besten Fall hat der Arzt ein gutes Gesprächstraining absolviert, eine patientenorientierte Haltung und kann seine Intuition gezielt einsetzen. Dann weiß er, was der Patient an Belastung ertragen kann und richtet seine nächsten Schritte danach aus. 

Wie erfährt man als Arzt, was Lymphompatienten wirklich wichtig ist? Haben Sie konkrete Tipps? 

Der wichtigste Tipp ist, als Arzt die Krankheitsverläufe von den verschiedenen Lymphomerkrankungen zu kennen und sich dadurch auf bestimmte Dinge besser einstellen zu können. Beispielsweise sollte ich wissen, dass einige Lymphomerkrankungen deutlich häufiger mit einer Erschöpfung einhergehen als andere Tumorerkrankungen. 

Wie sollten sich Patienten im Arztgespräch verhalten? 

Die Basis ist immer das offene und ehrliche Gespräch. Nur wenn Patienten ehrlich sind, kann der Arzt sie gut und umfassend in allen Hinsichten der Erkrankung beraten. Wenn Patienten sich über die Erkrankung informieren und verstehen, was in ihrem Körper passiert, steigt ihre sogenannte Selbsthilfekompetenz. Konkret bedeutet das, sie übernehmen mehr Verantwortung für sich und bleiben ihrer Therapie treu. Dies macht die gemeinsame Entscheidungsfindung aus.   

Gibt es spezielle Fragen, die Patienten unbedingt stellen sollten? 

Es gibt eine Initiative der amerikanischen Stiftung für Patientensicherheit „Ask3“, die drei Fragen als besonders ergebnisorientiert erachtet: 

1. Was ist mein Problem?

2. Welche Behandlungsmöglichkeiten gibt es?

3. Welche Vor- und Nachteile habe ich, wenn ich eine bestimmte Behandlungsalternative wähle?

Wenn ein Patient diese drei Fragen stellt, ist das Ergebnis des Beratungsgesprächs laut Studie deutlich besser. 

Wie sollten Patienten Fragen stellen, um möglichst erfolgreich aus dem Gespräch herauszugehen?

Wichtig ist, direkt am Anfang des Gesprächs darauf hinzuweisen, dass sie Fragen haben und diese gerne beantwortet bekommen möchten: „Guten Tag Herr Doktor, ich habe drei Fragen mitgebracht, die ich auf jeden Fall heute noch stellen möchte.“ 

Vielen Dank.

 

 

02 | 2016 Professor Dr. med. Wolfgang Hiddemann

Professor Hiddemann ist seit 1998 Direktor der medizinischen Klinik in München Großhadern. Mit Stationen in Münster, New York und als Direktor in Göttingen ist er seit 1972 in der Hämatologie tätig. Er gründete die Studiengruppe für Mantelzell-Lymphome auf europäischer Ebene und leitet bis heute die Studiengruppe GLSG sowie eine große multizentrische Studiengruppe für akute Leukämien.

Sehr geehrter Herr Professor Hiddemann, seit etwa 30 Jahren sind Sie Experte auf dem Gebiet der Hämatologie und der Internistischen Onkologie. Ihr wissenschaftlicher Schwerpunkt liegt unter anderem bei der Therapie niedrig maligner Lymphome. Welche maßgebenden Fortschritte sind in der Therapie des follikulären Lymphoms in dieser Zeitspanne aus Ihrer Sicht zu verzeichnen?

Ein wirklicher Durchbruch in der Behandlung des follikulären Lymphoms ist in den 90er Jahren mit der Einführung eines bestimmten Antikörpers gelungen. Die rückfallfreie Zeit und vor allem das Gesamtüberleben konnte dadurch um viele Jahre verlängert werden. In Zahlen bedeutet dies in etwa eine Überlebenserwartung der Patienten von zwölf bis 15 Jahren oder höher.

Welche besondere Herausforderung besteht trotz dieses Fortschritts weiterhin?
Bisher ist es noch nicht gelungen, die Krankheit wirklich zu heilen. Daher verfolgt die Forschung das Ziel, das follikuläre Lymphom zu einer chronischen Krankheit zu machen und eine fast normale Lebenserwartung für die Patienten zu erreichen. Die Tendenz geht dahin, nicht die Therapie zu intensivieren, sondern neue therapeutische Konzepte zur Minderung von Nebenwirkungen zu erzielen, also eine Chemotherapie-freie Kombination zu wählen. Zwar stehen wir noch am Anfang, aber der Weg zeichnet sich ganz deutlich.

Da die Erkrankung nicht heilbar ist, welche Therapiemöglichkeiten gibt es, wenn die Erkrankung erneut ausbricht?
Das kommt darauf an, zu welchem Zeitpunkt das Lymphom wiederkommt, ob es innerhalb der ersten zwei Jahre passiert oder später. In jedem Fall bestehen mehrere Möglichkeiten für eine erneut erfolgreiche Therapie.

Die psychische Belastung ist bei FL-Patienten besonders beim Wiederauftreten sehr groß. Wie gehen Sie mit den Ängsten der Patienten und den Angehörigen um und was empfehlen Sie diesen Patienten, wie Sie mit der erneuten Diagnose umgehen können?
Wir versuchen, die Ängste offen anzusprechen und zu erfahren, wovor genau der Patient Angst hat. Hier haben sich unterstützende Maßnahmen und Therapien stark hervorgetan, wie zum Beispiel die Psychotherapie oder eine psychoonkologische Behandlung. Es kommt immer auf die Person an und dann wird individuell geschaut, welche Betreuung dem Patienten gut tut.

1999 gründeten Sie den gemeinnützigen Verein Lebensmut e. V. – aus welcher Motivation heraus ist der Verein entstanden und welchen Leitgedanken verfolgen Sie?
Der Verein ist aus der grundlegenden Einstellung entstanden, den Menschen zu betreuen und zu begleiten, der eine Lymphomerkrankung hat. Wir möchten Maßnahmen zur Minderung von Ängsten oder anderen Problemen anbieten, die von den Krankenkassen nicht bezahlt werden. Aus diesem Hintergrund heraus gründeten wir „Lebensmut e. V.“ mit dem Ziel, Spenden zu sammeln, um dann eine psychoonkologische Behandlung bei uns in der Klinik zu finanzieren.

Welche konkreten Angebote stehen Betroffenen und Interessierten durch Lebensmut e. V. zur Verfügung und welche Wirkung erzielen diese?
Der Hauptschwerpunkt liegt in der Gesprächstherapie und der klassischen psychoonkologischen Behandlung. Die Patienten, die nicht gut reden können und nur schwer zugänglich sind, muss man auf anderen Wegen erreichen. Zum Beispiel bieten wir eine Atem- und Kunsttherapie an oder eine spezielle Betreuung von Kindern krebskranker Eltern.

Lebensmut e. V. bietet unter anderem auch ein Magazin, das zwei Mal im Jahr erscheint. Wo können Interessierte dieses Magazin erwerben?
Jeder, der sich für das Magazin interessiert, kann uns eine E-Mail schreiben und wir senden dann ein Exemplar. Das Magazin hat ein relativ breit gefächertes Spektrum von Themen und wird über unsere Spendenmittel finanziert. Das Hauptthema für die Herbstausgabe wird „Sport und Krebs“ sein.

Welche Empfehlungen haben Sie für Patienten mit FL darüber hinaus?
Bereits bei der Erstdiagnose sollten die Weichen der Therapie von Experten eines Kompetenzzentrums gestellt werden, die viel von der Krankheit verstehen. Gemeinsam schaut man sich die Konstellation sowie die Behandlungsmöglichkeiten an, die heute zur Verfügung stehen. Ein niedergelassener Onkologe oder Hausarzt kann dann die praktische Umsetzung übernehmen. Die zweite Empfehlung ist, dass Patienten versuchen sollten, sich mit der Krankheit zu arrangieren und nicht den Kopf in den Sand zu stecken. Heute können wir die Krankheit mit sehr guten Aussichten behandeln, sodass Betroffene ihr Leben relativ normal weiterführen können. Patienten sollten lediglich unterlassen, alternative Heilmethoden auszuprobieren – die können bei Lymphomen richtig schaden, weil das Immunsystem auf unkontrollierte Weise stimuliert werden könnte.

 

 

01 | 2016 Professor Dr. med. Michael Hallek

Direktor der Klinik I für Innere Medizin an der Universität zu Köln. Schwerpunkt seiner wissenschaftlichen Arbeit ist die Entwicklung spezieller Therapien für Leukämien. Er erhielt zahlreiche wissenschaftliche Auszeichnungen. Prof. Hallek ist Gründer und Leiter der Deutschen CLL-Studiengruppe, der international führenden Studiengruppe zur Erforschung neuer Behandlungen der chronischen lymphatischen Leukämie.

Sehr geehrter Herr Professor Hallek, was macht die chronische lymphatische Leukämie aus?
Die chronische lymphatische Leukämie, kurz CLL, ist die häufigste Form der Leukämie. Sie tritt vor allem bei älteren Patienten zwischen 72 und 75 Jahren auf und wird deshalb auch „Altersleukämie“ genannt. Die Erkrankung ist gekennzeichnet durch einen sehr unterschiedlichen Verlauf. Es gibt Formen, die keine Schmerzen verursachen. Diese verlaufen auch über Jahre oder Jahrzehnte ohne Behandlung stabil. Im Gegensatz dazu gibt es sehr aggressive Formen, die so intensiv behandelt werden müssen wie eine akute Leukämie. Diese Unterschiede stellen für Ärzte und Patienten oft eine große Herausforderung dar. Die Entscheidung zur richtigen Behandlung ist daher von großer Bedeutung.

Was waren die wichtigsten Entwicklungen in der CLL-Forschung der letzten 15 Jahre?
Die Molekularbiologie erlaubt heute eine deutlich feinere Diagnosestellung und eine erleichterte Prognoseabschätzung. Diese weist über die Stadieneinteilung hinaus bestimmten Patienten ein bestimmtes Risiko zu. Außerdem gibt es in den letzten 15 Jahren eine für die Patienten sehr positive Entwicklung hinsichtlich neuer Medikamente. Wir erwarten, dass diese Medikamente die Behandlung in den kommenden Jahren vereinfachen, weniger Nebenwirkungen verursachen und letzten Endes die Lebenserwartung erhöhen.

Welche Therapiestandards gelten heute?
Die Therapie richtet sich nach dem Schweregrad der Erkrankung und dem Allgemeinzustand des Patienten. Die Standardtherapie für Patienten mit guter Fitness, die keiner Risikogruppe angehören, ist die Chemoimmuntherapie, also die Kombination aus Chemotherapie und einem monoklonalen Antikörper. Die Behandlung für weniger fitte Patienten besteht aus einer Kombinationstherapie aus dem Zystostatikum Chlorambucil und einem bestimmten Antikörper gegen das Eiweiß CD20. Patienten mit einem bestimmten genetischen Risiko werden mit sogenannten Kinaseinhibitoren behandelt. Patienten im Rezidiv werden immer häufiger mit Medikamenten aus der Inhibitoren-Gruppe therapiert. In Kürze wird wahrscheinlich ein neuer Inhibitor als Monotherapie eingesetzt. Auf die Zulassung warten wir in Europa.

Sie leiten die weltweit führende Studiengruppe zur Behandlungen von CLL. Was ist die wichtigste Erkenntnis aus Ihren Studien?
Die wichtigste Erkenntnis aus unseren Studien war, dass das Überleben der Patienten verlängert werden kann, wenn die Erstbehandlung richtig ausgewählt wurde. Bei der Behandlung der CLL ist somit die optimale Therapie schon zu Beginn entscheidend. Dieses Ergebnis ist die wichtigste Erkenntnis aus dem CLL8-Protokoll, das 2010 veröffentlicht wurde.

Was bedeutet die Teilnahme an einer Studie für den Patienten? Macht es Sinn an Studien teilzunehmen?
Die Teilnahme an einer Studie bedeutet für die Patienten eine größere Sicherheit und eine genaue Dokumentation ihrer Nebenwirkungen. In der Regel beinhaltet sie auch eine verbesserte Therapieoption durch neue Medikamente.

Was ist das langfristige Ziel bei der Therapie der CLL? Wo geht die Reise hin?
Das langfristige Ziel ist es, die Erkrankung zu kontrollieren und die Nebenwirkungen zu verhindern oder einzudämmen. Die Behandlungen werden in Zukunft so effizient sein, dass die Lebenserwartung von Patienten mit CLL nicht mehr kürzer ausfällt als jene gesunder Menschen. Außerdem werden wir durch sogenanntes „molekulares Monitoring“ den Verlauf der Erkrankung erfassen, sehr frühzeitig einen Rückfall erkennen und erneut behandeln können. Damit wird aus dieser vormals unheilbaren Leukämie eine Erkrankung, die beherrschbar ist und die Patienten nicht mehr ängstigen muss.

01 | 2015 Professor Dr. med. Kai Uwe Chow

Professor Dr. med. Kai Uwe Chow ist in seinem 20sten Berufsjahr im Bereich Hämatologie und Onkologie tätig. Er hat 1996 angefangen in der Hämatologie zu arbeiten – zunächst an der Uniklinik – 2004 ging er in die Niederlassung. Er war auf dem Forschungsgebiet der Immuntherapie tätig, insbesondere bei dem Thema Lymphom und hat dort im Rahmen der Lymphomgruppe an der Universität Frankfurt mitgearbeitet.

Sehr geehrter Herr Prof. Dr. Chow, die Diagnose „Non-Hodgkin-Lymphom“ stellt für die Betroffenen einen großen Einschnitt in ihr Leben dar. Was passiert im Körper, wenn ein Lymphom entsteht?
Ein Lymphom ist eine Erkrankung der Lymphozyten, die entarten. Lymphozyten sind eine Unterform der weißen Blutkörperchen. Die Lymphozyten sitzen in den Lymphknoten. Bei Befall werden diese größer und drücken auf andere Strukturen. Lymphknoten sind im ganzen Körper verschaltet wie ein Netzwerk: Am Hals, in den Achseln, zwischen den Lungen, im Bauch, in den Leisten, teilweise auch in der Haut, den Mandeln und in den Schleimhäuten. Die Lymphozyten werden im Knochenmark produziert und wandern dann aus zu den Lymphknoten. Beim Non-Hodgkin-Lymphom muss man schauen, ob durch die Erkrankung im Knochenmark ein Verdrängungseffekt der normalen Blutbildung stattfindet.

Welche Arten unterscheidet man?
Bei den Non-Hodgkin-Lymphomen muss man zwei grobe Unterscheidungen machen: Es gibt die aggressiven – die schnell wachsen und die man sofort behandeln muss – und es gibt die indolenten niedrig malignen – die langsam wachsenden. Hier hängt es davon ab, ob ein Therapiebedarf vorhanden ist. Die langsam wachsenden Lymphome zählen zu den chronischen Erkrankungen, während die aggressiven Lymphome eine hohe Chance auf Heilung haben. Daher unterscheidet sich der Aufklärungsansatz über die Erkrankungen bei den Patienten enorm.

Gibt es eine Therapie, die sich besonders etabliert hat?
In den letzten Jahren stellte sich immer wieder heraus, dass ein monoklonaler Antikörper plus Chemotherapie bei einem Großteil der Patienten Mittel der Wahl ist. Doch gerade in den letzten Jahren gab es neue Medikamente, sogenannte Signalweghemmer, die bestimmte Eiweiße und Signalwege in der Lymphomzelle hemmen können. Diese rücken mehr in den Vordergrund, sodass man in der Therapie mehr und mehr versucht den Patienten die Chemotherapie zu ersparen. Dies gilt allerdings mehr für die langsam wachsenden Lymphome.

Was können Betroffene neben der Standardtherapie noch für sich tun?
Was immer ganz wichtig ist: Der Patient muss in Bewegung bleiben – kein übertriebener Leistungssport, aber sportliche Betätigung verlängert das Überleben. Das gilt auch für nichtkranke Menschen. Es hilft tatsächlich den körperlichen Zustand zu verbessern und eine Widerstandsfähigkeit zu entwickeln. Es gibt Leute, die an massivem Übergewicht leiden. Denen rate ich natürlich ihre Ernährung umzustellen und sich einigermaßen gesund zu ernähren. Aber nicht in Form von speziellen Krebsdiäten – davon halte ich nichts.

Wie können Patienten lernen mit der Erkrankung umzugehen?
Ein wesentlicher Bestandteil ist, dass wir den Patienten so aufklären, dass er versteht, wie der Arzt denkt. Wenn der Patient das Therapiekonzept verstanden hat, dann ist die Mitarbeit des Patienten wesentlich besser. Man darf ihn nicht im Unklaren lassen und immer alle Optionen aufzeigen. Dann ist die Angst um die Krankheit und der Therapie deutlich geringer. Das ist meine persönliche Erfahrung.

Wie schätzen Sie die Behandlungsmöglichkeiten in 10 Jahren ein?
Wir hatten in den letzten 15 Jahren zwei Paradigmenwechsel: Wir sind von der klassischen Chemotherapie zu der sogenannten Immunchemotherapie gekommen. Die Chemo wird nicht allein eingesetzt, sondern mit Antikörpern, die gegen bestimmte Zielstrukturen auf der Lymphomzellenoberfläche kämpfen. Mittlerweile gibt es eine ganz neue Generation von Antikörpern, sodass auch hier vermutlich die Ergebnisse verbessert werden. Auch die eben erwähnten Signalweghemmer bieten eine neue Grundlage. Das Ziel zukünftiger Studien wird sein: Die klassisch konventionelle Chemotherapie zu reduzieren und die molekulare Therapie auszuweiten. Derzeit kann man die Chemo jedoch noch nicht ad acta legen.

Wo besteht Ihrer Meinung nach besonderer Bedarf?
Ein großer Bedarf liegt bei der psychoonkologischen Betreuung. Diese werden bei uns hauptsächlich über Spenden finanziert. Patienten, die gerade erst ihre Diagnose erhalten haben, müssen lange auf einen Termin warten. Das gilt ebenso für die Angehörigen, die diese Betreuung genauso betrifft. Hier besteht noch Optimierungsbedarf. Hinzu kommt, dass solche Therapien sehr teuer sind. Da gilt es neue Lösungen zu finden. Ich denke, dass die Deutschen eines der besten Gesundheitssysteme haben, weltweit. Wenn die Kosten aber weiter so explodieren und immer mehr Substanzen auf den Markt kommen, wird die Finanzierung irgendwann kritisch.

Vielen Dank.