Wichtige Begriffe aus der klinischen Praxis: Was bedeuten PFS und OS?

In den letzten 30 Jahren haben wir dank des zunehmenden Wissens über Krankheiten bahnbrechende Behandlungsfortschritte erlebt.

Diese neuen Entwicklungen führen auch zu einer Weiterentwicklung von Endpunkten in klinischen Studien. Denn heutzutage geht es nicht nur um die Wirkung eines Medikaments, sondern auch um die Auswirkungen, die eine Therapie auf den Patienten hat. Es geht nicht nur darum, das Leben der Patienten zu verlängern, sondern auch darum, ihre Lebensqualität zu erhalten.

Wirksamere und verträglichere Medikamente sind das Ziel der Forschung.  Diese sollen den Patienten möglichst schnell zur Verfügung stehen. Aber die Medikamentenentwicklung ist ein sehr langwieriger Prozess, der bis zu 10 Jahre dauern kann. Die Notwendigkeit, diese Medikamentenentwicklung zu beschleunigen, stellt auch eine Herausforderung bei der Verwendung klassischer Endpunkte (beispielsweise dem sogenannten „Gesamtüberleben“) dar.

Diese Herausforderung hat die Wissenschaftler ermutigt, neue, innovative Endpunkte zu entwickeln, um nicht nur den Nutzen eines Medikaments, sondern auch die Auswirkungen auf die Lebensqualität des Patienten zu messen.

In klinischen Studien wird daher eine stetig wachsende Vielfalt von Endpunkten verwendet. Dabei hat jeder dieser Endpunkte eine andere Aufgabe. Sie alle sollen helfen, ein möglichst weitreichendes Gesamtbild, im Sinne einer Nutzen-Risiko-Bewertung, über eine Therapie zu erstellen und somit zu einer schnelleren Versorgung der Patienten mit Medikamenten führen.

Zwei wichtige Endpunkte in der Krebsmedizin sind das Gesamtüberleben (OS) und das Progressionsfreies Überleben (PFS). Was ist das genau?

 

Gesamtüberleben (Overall Survival, OS)

Der Endpunkt „Gesamtüberleben“ misst, wie lange Patienten mit einer Erkrankung leben. Dabei kann die Messung des „Gesamtüberlebens“ bei Diagnosestellung oder in klinischen Studien bei Beginn einer Behandlung ansetzen. In einer klinischen Studie ist die Messung des Gesamtüberlebens eine Möglichkeit zu sehen, wie groß der Nutzen der neuen Therapie für Patienten ist.

Dieser Endpunkt ist der historische "Goldstandard", denn je länger das Gesamtüberleben, desto mehr Zeit kann eine Person mit ihrer Familie und ihren Freunden verbringen, und desto wahrscheinlicher ist es, weitere wichtige Lebensziele zu erreichen (z. B. Geburt von Enkeln miterleben, etc.).

Wichtig zu wissen: In Studien wird der Endpunkt „Gesamtüberleben“ durch verschiedene Tatsachen beeinflusst. So werden auch nicht krankheitsbedingte Todesfälle (etwa durch Unfall) mit einbezogen. Außerdem besteht die Behandlung heutzutage häufig aus mehreren Therapien, die aufeinander folgen. Dadurch ist es schwerer geworden, die Verlängerung des  Gesamtüberlebens einer einzigen Behandlung zuzuordnen.

Besonders bei Krebserkrankungen, die ähnlich einer chronischen Erkrankung verlaufen, wie zum Beispiel das follikulären Lymphom (FL), liegt das mediane PFS laut der PRIMA-Studie (Salles et al. 2011) bei 10,5 Jahren. Das ist die Zeit, bis die Erkrankung nach einer erfolgreichen ersten Therapie erneut auftritt. Dabei liegt das Durchschnittsalter an einem FL zu erkranken bei 66 Jahren. Da auch nach einem Wiederauftreten das FL erneut gut behandelbar ist, ist das Ermitteln  von Effekten einer bestimmten Therapie auf das Gesamtüberleben beim FL so gut wie nicht möglich.

Hier ein mögliches Beispiel:

Progressionsfreies Überleben (Progression-Free Survival, PFS)

Progression ist der Fachausdruck für das Fortschreiten einer Erkrankung, trotz oder nach einer Therapie. Bei Krebs bedeutet dies ein Wiederauftreten des Tumors oder ein erneutes Tumorwachstum. Als progressionsfreies Überleben wird die Zeitspanne ab der Aufnahme von einem Patienten in einer klinischen Studie (ggf. ab Beginn einer Behandlung) bis zur Progression der Erkrankung bezeichnet (oder Tod jeder Ursache). Also die Zeit, in welcher kein Fortschreiten der Erkrankung feststellbar ist. Dieser Parameter ist eine wichtige Größe in klinischen Studien, bei denen neue Behandlungsmöglichkeiten untersucht werden. Was für eine Aussage hat nun das progressionsfreie Überleben? Es gibt Auskunft darüber, wie gut eine Krebserkrankung auf die Therapie anspricht und sagt somit etwas über die Wirksamkeit von Behandlungsalternativen aus.

An unserem Beispiel betrachtet:

PFS und OS können unterschiedlich erfasst werden

Ein Beispiel für Erfassung des Gesamtüberlebens kann lauten: „Patienten, behandelt mit einer innovativen Therapie, leben im Median 3,2 Jahre länger als Patienten die eine Standardtherapie erhalten.“

Ein anderes Beispiel für die Erfassung kann lauten: „20 Prozent der Patienten erleiden einen Progress innerhalb 2 Jahre nach Beginn der Therapie.

Eine dritte Möglichkeit kann lauten: „Das Risiko für eine Progression oder Tod wurde durch die innovative Therapie um 26 Prozent gesenkt.“

 

Die Bedeutung für den einzelnen Patienten

Das progressionsfreie Überleben und das Gesamtüberleben werden verwendet, um die Wirksamkeit von Therapien einzuschätzen und zu vergleichen. Dabei ist jedoch immer zu bedenken, dass diese Parameter Aussagen über Patientengruppen treffen. Daher sollte man sich von einem vermeintlich „schlechten“ Wert nicht verunsichern lassen. Der Krankheitsverlauf eines jeden Patienten ist höchst individuell und kann mit keinem statistischen Parameter vorhergesagt werden.

Bei einer Therapieentscheidung spielen aber auch andere Aspekte, wie zum Beispiel die Verträglichkeit, der Allgemeinzustand und die Lebensumstände eine Rolle.

Gut informiert zum Arzt zu kommen oder Fragen beim Arzt zu stellen, ist eine gute Voraussetzung, damit Patienten und Arzt gemeinsam eine Therapieentscheidung treffen könnten. Denn Informationen geben Ihnen Stärke.

 

Quellen:

www.krebsdaten.de/Krebs/DE/Content/Methoden/Ueberlebensraten/ueberlebensraten_node.html
(12.10.2018)

www.journalonko.de/thema/anzeigen/Progressionsfreies_Ueberleben
(12.10.2018)

www.medizinauskunft.de/artikel/diagnose/Besser_informiert_Onkologie/krebsmedikamente_endpunkte_klinische_studien.php
(12.10.2018)

www.krebsinformationsdienst.de/grundlagen/krebsstatistiken.php
(12.10.2018)

www.cancer.gov/publications/dictionaries/cancer-terms/def/overall-survival
(15.10.2018)

Salles, G. et al. (2011). Rituximab maintenance for 2 years in patients with high tumour burden follicular lymphoma responding to rituximab plus chemotherapy (PRIMA): a phase 3, randomised controlled trial. The Lancet, 377(9759):42-51.
(12.03.2019)

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